Pro und Kontra - Für ein Verbot von Kinderarbeit

Abschaffen, aber flankieren

Für bessere Arbeitsbedingungen von Kindern, aber gegen ein weltweites Verbot

von Kinderarbeit plädierte Annette Jensen am 14. 6. an dieser Stelle. Eine Gegenrede

Anlässlich des Welttags gegen Kinderarbeit wies Annette Jensen zu Recht auf die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim Kampf gegen Kinderarbeit hin. Trotz völkerrechtlicher Verankerung des Verbots nimmt die Kinderarbeit weiter global zu. Deshalb hält sie es für sinnvoller, die Arbeitsbedingungen der Kinder zu verbessern. Die Frage allerdings ist, ob die Hoffnung auf Gestaltungsmöglichkeiten des prinzipiell nicht wünschenswerten Zustandes von Kinderarbeit die einzige Alternative zum "wohlfeilen" Verbot darstellt. Wohl kaum. Eine bessere Alternative besteht darin, das Verbot mittels Strafmaßnahmen wirksam durchzusetzen. Freilich muss ein solches Verbot sozialpolitisch flankiert werden.

Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, schreibt Jensen, könnten die Kinder selbst in die Hand nehmen. Leider reicht Kinderarbeit aber bis zu einem Lebensalter von acht Jahren hinunter. Arbeitende Kinder sind generell schlecht ernährt und für Krankheiten deshalb viel anfälliger. Manche erreichen nicht einmal das zwölfte Lebensjahr. Vor allem arbeiten viele in völliger Abhängigkeit von den Arbeitgebern, die Kinder erwachsenen Kräften gerade deshalb vorziehen, weil sie leichter zu disziplinieren sind. Diese Kinder sollen mit den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erreicht werden. Sicher gibt es gerade in Lateinamerika Kinder in den großen Städten, die einige Jahre Schule genossen haben, sich selbst durchschlagen und sich entsprechend in ihrem Umfeld auch für ihre Rechte einsetzen können. Für Kinder an indischen Webstühlen trifft dies allerdings nicht zu.

Ferner ist nicht nachvollziehbar, warum Gestalten leichter als Verbieten sein soll. Die Arbeitgeber könnten schon heute Erwachsene einstellen: Wo Kinderarbeit vorherrscht, besteht eine große Arbeitslosigkeit unter Erwachsenen. Sie könnten auch bessere Bedingungen anbieten, ohne gleich Pleite zu gehen, denn die geringeren Löhne der Kinder werden zumeist durch ihre geringere Produktivität aufgewogen. Sie tun es aber nicht. Bessere Arbeitsbedingungen müssen genauso wie ein Verbot mittels gesellschaftlichen Drucks durchgesetzt werden. Ein Verbot lässt sich aber leichter überwachen.

Sicherlich können Kinder versteckt, ihr Alter auf dem Papier erhöht und die Inspektoren bestochen werden. Doch das Überprüfen besserer Arbeitsbedingungen verlangt viel umfangreichere Kontrollen.

Schließlich überzeugt das Argument nicht, dass ein Verbot die Kinder schlechter stellen würde. Es ist gerade umgekehrt - Kinderarbeit verursacht Armut. Der Zusammenhang ist wie folgt: Eine mangelnde soziale Absicherung verschärft ebenso wie sinkende Reallöhne den Zwang zum Arbeitsangebot, sodass sich ohne korrigierende Eingriffe die Verarmung breiter Kreise der Lohnabhängigen als Prozess selbst tragen kann: Eine Ausweitung des Arbeitsangebots lässt die Reallöhne sinken, die niedrigeren Löhne wiederum bedingen ein größeres Arbeitsangebot.

In gar nicht so seltenen Extremfällen wird das Angebot der Arbeitskräfte der Kinder notwendig zur Sicherung des Haushaltseinkommens. Je mehr Kinder jedoch eingestellt werden, desto mehr Erwachsene werden entlassen, die wiederum gezwungen sind, ihre Töchter und Söhne zur Arbeit zu schicken. Eine Untersuchung im Teppichknüpfgebiet Indiens ergab, dass 95 Prozent der Väter, die ihre Kinder zur Arbeit schicken, selbst als Kinder gezwungen waren zu arbeiten. Wenn darüber hinaus, zum Beispiel im Zuge der Schuldenkrise, die Ausgaben für Bildungseinrichtungen gekürzt werden, wird sich die Zahl der arbeitenden Kinder noch stärker erhöhen. Dieser Zusammenhang wurde für Thailand im Anschluss an die Währungskrise von 1997 gut belegt.

Die Armut wird durch Kinderarbeit auch für die Zukunft fortgeschrieben, da Menschen, die als Kinder hart arbeiten müssen, in der Regel nicht die Chance haben, sich für einen besseren Arbeitsplatz ausbilden zu lassen. Doch nicht nur diese Kinder erhalten keine Chancen, sich zu entwickeln, auch die Industrien, in denen sie beschäftigt sind, bleiben technologisch veralteten Produktionstechniken verhaftet. Auf Kinderarbeit lässt sich keine dynamische Wirtschaftsentwicklung gründen.

Die harte Alternative zwischen Arbeit und Verhungern stellt sich nur dann, wenn die Konkurrenzverhältnisse nicht verändert werden. Wenn etwa nur in einer Region Kinderarbeit beim Teppichknüpfen verboten wird, besteht selbstverständlich die Gefahr, dass die Teppichfirmen dieser Region Marktanteile verlieren. Wenn alle Regionen Kinderarbeit verbieten, werden sich die Marktanteile hingegen nicht verändern. Es könnten dann für Erwachsene Familienlöhne gezahlt werden. Damit sich alle an das Verbot halten, bedarf es Strafmechanismen.

Bisher muss eine Regierung, die das Verbot nicht im eigenen Land durchsetzt, obgleich es dazu völkerrechtlich verpflichtet ist, mit keinen Strafen rechnen. Die ILO-Konventionen haben Appellcharakter. Deshalb fordert die internationale Gewerkschaftsbewegung seit langem, elementare Arbeitnehmerrechte als Sozialklausel in der Welthandelsorganisation (WTO) zu verankern. Der Zutritt für ausländische Produzenten zum jeweiligen heimischen Markt sollte davon abhängig gemacht werden, ob sie international anerkannte Arbeitnehmerrechte einhalten. Andere fordern kontrollierbare Verhaltenskodizes für Unternehmen.

Das einzelne Kind kann freilich beim Verbot vor der Alternative noch schlechterer Arbeitsbedingungen in illegalen Betrieben, der Prostitution oder gar des Verhungerns stehen. Deshalb muss das Verbot sozialpolitisch flankiert werden. Das bereits bestehende Programm der ILO zur Beendigung von Kinderarbeit (Ipec), das für Schulgeld aufkommt, oder eine ähnliche Initiative der brasilianischen Regierung muss ausgebaut werden. Auch sollten sich transnationale Konzerne nicht einfach bei Verstößen von einem Zulieferbetrieb trennen, sondern dem Management des Subunternehmens helfen, Missstände zu beheben. Zugleich muss aber die Weltbank davon abgehalten werden, die Privatisierung der Schulen zu propagieren, und der IWF von einer Auflagenpolitik, bei der die Kürzung des Sozialbudgets an oberster Stelle steht.

Sicherlich: Die international wirksame Durchsetzung des Kinderarbeitsverbotes sowie eine Veränderung der Politik von Weltbank und IWF sind Ziele, die nur mit großen politischen Kraftanstrengungen und einem langen Atem erreicht werden können. In der Zwischenzeit werden viele Kinder weiter ihres Rechts auf Bildung und Gesundheit beraubt. Doch eine Akzeptanz der Kinderarbeit fördernden Rahmenbedingungen kann nicht die Alternative sein. Es besteht vielmehr die Gefahr, durch den noch viel weniger einlösbaren Anspruch auf Gestaltung den Zustand von Kinderarbeit schönzureden. Dann allerdings würde man zur Verschärfung des Problems beitragen."

CHRISTOPH SCHERRER

taz Nr. 7386 vom 18.6.2004, Seite 11, 241 Kommentar CHRISTOPH SCHERRER, taz-Debatte

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