Sechs Irrtümer über Kinderarbeit

Mythos 1: Kinder müssen aus Armut arbeiten

Es ist richtig, dass Kinder manchmal wegen der Armut der Eltern arbeiten müssen, allerdings ist dies nicht der einzige Grund oder auch viel weniger ausschlaggebend, als manche annehmen. Armut wird of als eine Entschuldigung für das Vorhandensein von Kinderarbeit benutzt, während Millionen von Kindern in lebensgefährlichen und unakzeptierbaren Formen von Kinderarbeit ausgebeutet werden. Es ist ein gebräuchlicher Mythos, dass Kinderarbeit niemals ausgerottet werden kann, solange man die Armut nicht in den Griff bekommen hat. Dagegen haben aktuelle Untersuchungen die Frage aufgeworfen, ob die Armut wirklich der Hauptgrund für Kinderarbeit ist, oder ob nicht andere Faktoren, wie beispielsweise das Versagen von Bildungssystemen ebenso Schuld tragen am Übel der Kinderarbeit.

Es ist zudem auch eine weitläufig unbekannte Tatsache, dass Kinderarbeit selbst eine Ursache für Armut darstellt. Wenn Kinder nämlich schon in einem sehr jungen Alter mit dem Arbeiten anfangen, werden sie wohl zu Analphabeten und zu Schlechtausgebildeten werden und darüber hinaus Unfähig sein, ihre Ansprüche auf gerechtere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen geltend zu machen. Während sie unzählige Stunden arbeiten müssen, verbrauchen sie ihre gesamte Energie und schädigen massiv ihre Gesundheit. Und so geht der Kreislauf von Ausbeutung und Armut ewig weiter.

Länder mit verhältnismäßig ähnlichen Verhältnissen von Armut oder Wohlstand haben oft sehr unterschiedliche Höhen von Kinderarbeit. Dagegen kann ein Land, das viel reicher ist als sein Nachbar, eine ziemlich ähnliche Zahl von Kinderarbeit haben. (Weltbank 2002).

Mythos 2: Wir brauchen die Kraft der Kinder um das Familieneinkommen zu erhöhen

Sobald das Thema der Auslöschung von Kinderarbeit aufgeworfen wird, wird sofort die Frage aufgeworfen, „Aber wie sollen denn die armen Familien überleben, ohne das zusätzliche Einkommen der Kinder?“ Ja, einige Familien haben wohl zuerst Schwierigkeiten das wegfallende Einkommen der Kinder auszugleichen, jedoch wird das Entfernen der Kinder vom Arbeitsplatz später weniger Probleme schaffen, als man zuerst annehmen könnte.

Die Löhne der Kinder steuern üblicherweise nur recht wenig zum Einkommen der Familien bei. Und eine große Zahl von Kinderarbeitern kommt aus Haushalten, wo die Eltern arbeitslos oder nur geringfügigen Beschäftigungen nachgehen, während die Fabrikbesitzer den Kindern als billigeren Arbeitskräften den Vorzug geben. Außerdem ist es genau das hohe Angebot von Kindern auf dem Arbeitsmarkt, die die Löhne der Erwachsenen nach Unten drücken, was deren Kaufkraft nachhaltig reduziert und sie in großem Ausmaß von Arbeitslosigkeit betroffen macht. Im Jahr 2003 erklärte die ILO, dass die Unfähigkeit der Arbeiter sich zu organisieren, zu der auch das Angebot von Kinderarbeit beiträgt, ein Faktor in der Spirale der Arbeitslosigkeitsrate ist.

Auf einem Fragebogen, der in Indien an Unternehmen mit einem mutmaßlich hohen Anteil von Kinderarbeit verteilt wurde, erklärten 80 Prozent aller Arbeitgeber, dass „niedrigere Arbeitskosten/Löhne“ und die Möglichkeit, von den Kindern „mehr Arbeitsoutput herauszuholen“ als Hauptgründe für die Beschäftigung von Kindern.

Auf der anderen Seite gibt es schätzungsweise 180 Millionen Menschen auf der Welt, die offiziell als Arbeitslos gemeldet sind (zusammen mit vielem weiteren Millionen, die nicht formell anerkannt sind), während auf der anderen Seite rund 246 Millionen Kinder beschäftigt werden. Eine einfache Rechnung würde die wirtschaftliche Wohlfahrt aufzeigen, wenn man die Kinder auf ihren Arbeitsplätzen gegen Erwachsene austauscht.

Mythos 3: Kinder sind für manche Arbeiten besser geeignet als Erwachsene

Ein alter Irrglaube ist, dass Kinder für manche Tätigkeiten besser geeignet sind als Erwachsene. Dies wird beispielsweise für den Gebrauch von Kinderarbeitern in der Teppichindustrie als eine lahme Entschuldigung verwendet, weil die „beweglicheren Finger“ von Kindern es möglich machen sollen, kleinere und straffere Knoten zu knüpfen. Eine Reihe von Untersuchungen widerlegen die These, dass es Kinderarbeit gibt, weil Kinder für bestimmte Tätigkeiten den Erwachsenen überlegene Fähigkeiten besitzen. Eine Studie über die indische Teppichindustrie fand heraus, dass Kinder dort nicht mehr Teppiche mit komplizierteren Mustern weben, als Erwachsene.

Mythos 4: Kinderarbeit ist notwendig für die Entwicklung von armen Ländern

Es gibt keinen Beweis, der die Theorie unterstützt, dass Kinder solange für eine gedeihende Wirtschaft arbeiten müssen, bis wirtschaftliches Wachstum und technologischer Fortschritt sie überflüssig machen. Rückblickend gesehen, wurden Länder, die durch eine Durchsetzung der Schulpflicht die Kinderarbeit abschafften, später mit einer wesentlich besseren Entwicklung belohnt, als die Länder die das Problem ignorierten. Kinderarbeit stellt einen Rückschritt durch Unterinvestition in die Zukunft einer Nation dar. Kostenlose und qualitative Ausbildung hat sich in der Geschichte als der Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum erwiesen. Wenn die Kinder den ganzen Tag arbeiten müssen, wie sollen sie dann eine Schulausbildung absolvieren? Jedem Kind, das Arbeiten muss, wird gleichzeitig sein Grundrecht auf Bildung verweigert.

Eine Menge von Forschungen haben die Zusammenhänge zwischen der Reduzierung von Kinderarbeit, der Schulpflicht und wirtschaftlichem Wachstum in Westeuropa und Amerika aufgezeigt. Das staatliche Schulwesen und sein Ausbau half die Kinderarbeit zu reduzieren und wurde zu einem wesentlichen Element für raschen wirtschaftlichen Fortschritt. Ebenso gibt es eine erkennbare Verbindung zwischen einer besseren Ausbildung und dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg von vielen Ländern in Ostasien.

Die Weltbank schätzte in einer Studie aus dem Jahr 2002, dass die Länder in Südostasien und Afrika eine deutlich bessere Wachstumsrate von 3 Prozent im Jahr (im Gegensatz zu den aktuellen 1,8 Prozent) hätten erzielen können, wenn sie die Zahl der eingeschriebenen Schüler und Studenten gesteigert hätten.

Mythos 5: Kinderarbeit ist eine guter Teil der Erziehung

Millionen von Kinderarbeitern werden durch ihre tage- und nächtelange Arbeit ihrer kostbaren Lebenszeit beraubt und die Möglichkeit genommen, sich körperlich und geistig zu entwickeln. In der Schule lernen die Kinder nicht nur das Können für einen zukünftigen Beruf, sondern auch sich zu sozialisieren und sich an die Menschen in ihrem sozialen Umfeld zu gewöhnen. Bildung befähigt sie auch, selber ihre Grundrechte zu kennen und ihr eigenes Potential zu verwirklichen.

Eine neue Studie hat gezeigt, dass Erwachsene, die als Kinder in einer Fabrik gearbeitet haben, später weniger produktiv sind als diejenigen, die bis zum Erwachsenenalter nicht mit dem Arbeiten angefangen haben. Damit ist die These widerlegt, dass Kinder von der frühen Ausbildung als Kinderarbeiter im späteren Leben einen Vorteil haben.

Mythos 6: Kinder haben ein Recht auf eine anständige Arbeit

Das „Recht des Kindes auf Arbeit“ zu schützen und daher eine Notwendigkeit der Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen herzuleiten, wird in letzter Zeit von einigen Gruppen vertreten. Dieser Ansatz ist jedoch eine Verletzung der Bestimmungen in den bereits international vereinbarten Konventionen zum Schutz der Kinder.

Die Rechte der Kinder sind nicht verhandelbar und werden von allen Kindern zu gleichen Teilen getragen, gleichgültig ihrer ökonomischen, sozialen und biologischen Herkunft. Eine gelegentliche Notwendigkeit zu Arbeiten wegen einer finanziellen Notlage oder aus anderen Gründen schafft keineswegs ein neues „Recht der Kinder auf Arbeit“. Man versäumt dabei, ihre Rechte auf Ausbildung, auf Spielen und auf ihre Gesundheit zu schützen und die Kinder vor wirtschaftlicher Ausbeutung zu bewahren. Drängt man junge Kinder, für ihr eigenes Überleben zu arbeiten, ist dies eine Zurückweisung ihrer Fundamentalrechte.

„Wir wollen eine Welt, wo für alle Kinder dasselbe gilt. Ich habe gehört, dass einige Leute über das „Recht der Kinder auf Arbeit“ sprechen. Ich verstehe nicht, wie sich diese Menschen Gedanken machen können, über die Gefühle der Kinder. Sind sie auch bereit, ihre eigenen Kinder zur Arbeit zu schicken? Wer gab diesen Leuten eigentlich das Recht, die Anliegen der Kinder zu ihrem eigenen Anliegen zu machen

Govind, ein früherer Kinderarbeiter aus Nepal. Er arbeitet nun als ein Aktivist bei einer Organisation in Indien.

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